Für einen kurzen Moment schien der Fachkräftemangel in Deutschland zu schwinden. Die Corona-Krise hat kurzfristig zu einem Nachfrageeinbruch auf dem Arbeitsmarkt geführt. In den ersten Monaten des Lockdowns verhängten viele Unternehmen einen Einstellungsstopp, schickten ihre Mitarbeiter*innen in Kurzarbeit oder mussten sogar Personal entlassen. Demzufolge sank die Nachfrage nach Fachkräften und der viel diskutierte Fachkräftemangel trat für einige Monate in den Hintergrund. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft hat sich die Fachkräftelücke von Februar 2020 bis Juni 2020 von 347.484 auf nur noch 180.707 fehlende Personen fast halbiert.
Doch dieser Trend hatte keinen Bestand. Die Wirtschaft stabilisierte sich schneller als befürchtet. Und in bestimmten Branchen, zum Beispiel der Pflege, wurde das Fehlen qualifizierten Personals bereits zu Beginn der Pandemie besonders schmerzlich bewusst. Der Fachkräftemangel ist wieder voll im Fokus der Wirtschaft. Seit Mai dieses Jahres fehlen in Deutschland sogar mehr Fachkräfte als vor der Krise. Einige Branchen trifft es besonders hart. Aber es gibt vielversprechende Ansätze, langfristig für Entlastung zu sorgen.
Ärzte, Ingenieure und Informatiker
Es sind längst nicht alle Berufsgruppen vom Fachkräftemangel betroffen, aber in immer mehr Bereichen werden Engpässe bemerkbar. Das gilt für Ausbildungsberufe ebenso wie für akademische Berufsgruppen. Im bereits erwähnten Pflegebereich fehlt es quasi überall an Personal, sei es Gesundheits-, Kranken- oder Altenpflege. Auch in anderen medizinischen Ausbildungsberufen wie dem Rettungsdienst und der Geburtshilfe bleiben Stellen unbesetzt. Im Handwerk wird in verschiedenen Branchen nach Fachleuten gesucht, besonders betroffen sind Elektroinstallation und ‑montage, Zerspanungstechnik, Kunststoffverarbeitung, Rohrleitungsbau, Schweißtechnik und Maschinenbau.
Im akademisch geschulten Expertenbereich fehlen vor allem Ärzte, Ingenieure und Informatiker. In der Medizin werden dringend Human- und Zahnmediziner gesucht. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers hält in einem Bericht fest, dass 2020 bereits 56.000 Ärzte in Deutschland gefehlt haben – bis 2030 wird diese Personallücke laut Prognose noch einmal um 100.000 wachsen.
Ähnlich ist die Entwicklung bei Ingenieuren im Maschinen- und Fahrzeugbau. Zwar ließ der Verein Deutscher Ingenieure im 3. Quartal 2020 coronabedingt noch verlauten, das Angebot offener Stellen sei seit März stark gesunken und die Zahl der Arbeitslosen sei sprunghaft angestiegen – mittlerweile ist der Mangel aber wieder in verschärfter Form zurückgekehrt. Digitalisierung und Klimaziele heizen den Fachkräftebedarf in technischen Berufen an, zugleich aber bremst der demografische Wandel das Personalangebot. Gleiches gilt für die IT-Branche. Besonders gefragt sind hier Anwendungsentwickler, System- und Netzwerkadministratoren, Softwareentwickler sowie IT-Sicherheitsexperten.
Motivieren, qualifizieren und integrieren
Um zu Lösungsstrategien für den Fachkräftemangel zu kommen, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Stellensituation im IT-Bereich. Laut dem Digitalverband Bitkom blieben 2020 rund 86.000 Stellen für IT-Stellen unbesetzt – zur gleichen Zeit waren aber auch 31.000 IT-Spezialisten arbeitslos gemeldet. Die Zahlen verdeutlichen, dass die Vorstellungen von Unternehmen und Bewerber*innen teilweise auseinandergehen. Ein Ausweg wäre, dass Unternehmen auch Menschen ohne perfekten Lebenslauf eine Chance geben und fehlende Qualifikationen durch Weiterbildungen ausgleichen. Schließlich sind die Kosten für Weiterbildungsmaßnahmen meist geringer als die für längere Vakanzzeiten. Auch in anderen Menschengruppen schlummert noch Fachkräftepotenzial. Dieses müssen Wirtschaft und Politik Hand in Hand zum Leben erwecken.
Frauen sind insbesondere in den MINT-Berufen noch immer unterrepräsentiert. Hier kann an einigen Stellschrauben gedreht werden, um die Quote zu erhöhen. Mädchen sollten schon in der Grundschule spielerisch an IT-Themen und Technik herangeführt werden. Unternehmen sollten mehr Frauen in Führungspositionen haben, die als Identifikationsfiguren dienen und anderen Frauen Mut machen. Zudem ist eine Unternehmenskultur förderlich, die auf flexible Arbeitszeiten, flache Hierarchien und offene Kommunikation setzt – das ist übrigens nicht nur für Frauen attraktiv, sondern zieht geschlechterunabhängig Young Professionals an.
Zudem gilt es, Menschen aus dem Ausland für den deutschen Arbeitsmarkt zu gewinnen. Die Bundesagentur für Arbeit fordert eine Zuwanderung von 400.000 Fachkräften pro Jahr. Hier hat der Gesetzgeber bereits einiges getan, um Hürden für hoch qualifizierte Fachkräfte abzubauen. Eine Analyse der Boston Consulting Group kommt zu folgendem Ergebnis:
Bei der Frage der Zugänglichkeit, die am Vergabeprozess für ein Arbeitsvisum bemessen wird, liegt Deutschland inzwischen auf dem ersten Platz – bei der Standortattraktivität insgesamt immerhin auf Platz vier.
Die Grundvoraussetzungen für mehr Power aus dem Ausland sind also gegeben.
Ergänzend müssen Menschen mit Migrationshintergrund, die bereits hier leben, noch besser qualifiziert und integriert werden. Überdies gibt es noch viele ältere Menschen oder auch Menschen mit Behinderung, die zu häufig übersehen werden, obwohl sie das Potenzial zur Fachkraft haben. Und es gibt laut BMWi noch 200.000 hoch qualifizierte deutsche Spitzenkräfte im Ausland – mit einem verlockenden Angebot lässt sich auch ein Teil von ihnen für Arbeit im Heimatland begeistern.
Die richtigen Menschen sind da, wir müssen sie nur finden und für uns gewinnen.

