Immer noch wirkt es wie eine riesige „Männer-Monokultur“, wirft man einen Blick auf deutsche Führungsetagen in DAX-Unternehmen. Irgendwie sehen sie da alle gleich aus im gehobenen Management: Rund 87 % sind männlich, knapp drei Viertel sind deutsch und in ihren Fünfzigern, 66 % haben eine Ausbildung in Westdeutschland absolviert und knapp die Hälfte sind Wirtschaftswissenschaftler. 2019 heißen in den Vorständen der börsennotierten Unternehmen 5 Prozent Thomas und 5 weitere Prozent Michael. Es gibt damit dort mehr Thomasse und Michaels als Frauen insgesamt. Die All-Bright Stiftung, die deutsche Unternehmen jährlich im Hinblick auf Gleichstellung unter die Lupe nimmt, nennt dieses Phänomen den „Thomas-Kreislauf“. Zurückzuführen ist diese Homogenität nämlich darauf, dass Thomasse eben gern mit anderen Thomassen, also Menschen, die ihnen ähnlich sind und ihre Entscheidungen nachvollziehen können, zusammenarbeiten. Ganz deutlich wird das im Rekrutierungsprozess, bei dem eher Kandidat:innen den Aufstieg in die Führungsebene schaffen, die ähnliche Werte wie das bestehende Management vertreten. Thomasse eben oder manchmal auch Michael oder Oliver. So ändert sich aber nicht viel an bestehenden Mustern und insbesondere Frauen schaffen es auch heute noch selten ganz nach oben.
Obwohl sich die Zahlenn leicht positiv entwickeln, sind laut Destatis auch 2021 nur rund 29 % Frauen in Führungspositionen vertreten. Damit landet Deutschland im Ranking der 27 EU-Mitgliedsstaaten auf dem 20. Platz, ein Zustand, der sich vor allem unter dem Gesichtspunkt der Gleichstellung ändern muss. Herausforderungen wie der Fachkräftemangel sowie politische und wirtschaftliche Krisen erfordern ein Umdenken auf Führungsebene. Andere Blickwinkel und Perspektiven werden gebraucht und der Ruf nach Frauen im Management wird lauter. Sie sollen den Schaden, den so manch einflussreicher Thomas vor ihnen hinterlassen hat, beseitigen und den Weg für Führung auf Augenhöhe ebnen. Brauchen wir also dringend mehr „Womenpower“ in Unternehmen und ist gute Führung etwa eine Frage des Geschlechts?
„Female Leadership“ – Auf der Suche nach neuen Werten
Immer noch wird Führung eher mit „typisch männlichen“ Werten gleichgesetzt und zeichnet das Bild eines ehrgeizigen, zielstrebigen und risikofreudigen Managers. „Female Leadership“, ein souveräner Führungsstil, gekennzeichnet durch lösungsorientiertes Handeln und Kompromissbereitschaft, Eigenschaften, die oft eher Frauen zugerechnet werden, bietet ein Gegenmodell zu dem oft konservativen Führungsstil der vergangenen Jahre.
Übersetzt bedeutet der Begriff zunächst „weibliche Führung“ und meint damit die Präsenz von Frauen im Management. Gleichzeitig spielt Female Leadership aber auch auf einen Führungsstil an, der sich durch Werte auszeichnet, die in unserer Gesellschaft eher Frauen zugeschrieben werden. Neben typischen Führungsfähigkeiten wie Zielstrebigkeit und Ehrgeiz kennzeichnet Female Leadership auch Partizipation, Fürsorglichkeit, Dialogfähigkeit und Empathie. Eine besondere Rolle spielt auch weitsichtiges Handeln, um nachhaltige Erfolge erzielen zu können. Keinesfalls sind Frauen dadurch aber nachlässigere Managerinnen. Autorität und Konsequenz sind essenziell, um ein Unternehmen und Mitarbeitende zu führen. Gravierende Unterschiede zu ihren männlichen Kollegen in der Führung weisen Frauen dabei gar nicht auf, entscheidend ist allerdings, dass sie Schwerpunkte anders setzen. In Unternehmen wählen Frauen dabei häufiger einen transformationellen Führungsstil, der sich besonders dadurch auszeichnet, dass die führende Person als Vorbild wahrgenommen wird und den Mitarbeitenden auf Augenhöhe begegnet. Zahlreiche Studien, beispielsweise die des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, belegen, dass es einen positiven kausalen Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens und der Anzahl von Frauen im Unternehmen insgesamt und Frauen in Führungspositionen gibt.
Das scheint auch die Corona-Pandemie zu zeigen. Von Frauen geführte Länder wie Neuseeland oder Finnland schaffen es besser durch die Pandemie. Im Vergleich zu von Männern geführten Staaten hatten Länder mit weiblicher Spitze im Durchschnitt nur halb so viele Todesfälle. 194 Länder wurden in einer Studie von Uma Kambhampati und Supriya Garikipati der Universität Liverpool im ersten Quartal der Pandemie untersucht. Die von Frauen geführten Länder weisen danach neben einer niedrigeren Todesrate auch in der Wirtschaft ein systematisch positiveres Abschneiden auf.
Tschüss binäre Stereotypen!
Rücksichtsvoll, besonnen und fürsorglich – stecken wir Frauen damit nicht eigentlich wieder genau in die Schublade, aus der wir sie rausholen wollen? Obwohl diese Charaktereigenschaften positiv besetzt sind, zeichnen sie ein Bild der sich kümmernden, umsichtigen Frau, die es einfach besser schafft, es allen recht zu machen. Auch mit dem Ziel der Gleichberechtigung sollte Geschlechtern kein Stempel aufgedrückt werden. Dieses Schwarz-Weiß-Denken, bei dem Männern und Frauen bestimmte Charaktereigenschaften zugeteilt werden, reproduziert binäre Stereotypen. Auch Männer, die nicht dem klassischen maskulinen Bild entsprechen, profitieren von einem Aufbrechen der Rollen. Solange nämlich eine Führungsposition mit „typisch männlichen“ Charaktereigenschaften beschrieben wird, haben auch Männer, die diesem Rollenbild nicht entsprechen, schlechte Aufstiegschancen in die Führungsetage.
(K)eine Frage des Geschlechts
In den Führungsetagen dieser Welt wurden in den letzten Jahren einige Erfolge gefeiert, kreative Konzepte entwickelt und Innovationen geschaffen. Es gehen aber auch diverse Krisen, Kriege und Umweltzerstörungen auf die Konten von Menschen, die in den letzten Jahren Entscheidungen getroffen haben. Es wird Zeit für Veränderungen, der Wertewandel in unserer Gesellschaft beinhaltet den Wunsch nach alternativen Führungsstilen. Der Ruf nach Frauen wird dabei lauter, weil sie trotz guter Qualifizierungen unterrepräsentiert sind und einen Platz in deutschen Führungsetagen schon lange verdient haben. Firmen, die sich hier divers aufstellen, haben nachweislich ein attraktiveres Unternehmensimage, die Mitarbeitermotivation ist höher und es lassen sich positive Synergien zusammen mit der Kundenzufriedenheit feststellen. Themen wie Empathie, Partizipation, Kooperation oder Bedürfnisorientierung sollten Führungsstile prägen. Das ist aber keine Frage des Geschlechtes. Obwohl die Bezeichnung „Female Leadership“ Stereotypen reproduziert, sorgt die entsprechende Diskussion für Aufsehen und zeigt, dass es einigen talentierten Frauen bis jetzt schwer gemacht wurde, den gläsernen Vorhang zu durchbrechen. Wenn es zukünftig noch mehr Frauen gelingt, in Führungspositionen aufzusteigen, können die Wirtschaft und die Gesellschaft als Ganzes davon profitieren.

